Das DA-Zwischen entdecken
Heute, als ich mit meinem Hund im Wildpark spazieren war, begegnete ich wieder diesem uralten Prinzip:
Dem Spannungsfeld zwischen Kampf und Nähe, Angst und Sicherheit, Anspannung und Entspannung.
Ich erfuhr im Gespräch, dass ein Marder einen Pfau geholt hat, und wie Tiermütter ihre Jungen verteidigt haben und dabei selbst ihr Leben geopfert haben. Ich beobachtete, wie Hirsche gerade in der Brunftzeit mit aller Wucht gegeneinander antreten, und Tiere in der Umgebung oder sie selbst sogar Verletzungen erleiden.
Und dann komme ich nach Hause, und in meinem Garten liegen wie so oft die freilebenden Rehe friedlich im Gras. Im Gegensatz zum Tierpark spürte ich den Impuls, zu entspannen und tief durchzuatmen. So wie ich es auch kann, wenn unser Hund Nähe sucht, Wärme schenkt und die Stimmung weich, zart und beruhigend wird.
Beides existiert nebeneinander. Nicht als Widerspruch, sondern als Pole.
Die Wüste und das Dazwischen
Und im Atelier begegnet mir wieder das Bild der Wüste, mit dem ich mich seit einigen Tagen innerlich und künstlerisch beschäftige. Mit der scheinbaren Leere und Kargheit, die zugleich eine besondere Form von Fülle und Unendlichkeit offenbart – wie die Üppigkeit einer Oase inmitten von Trockenheit und Dürre.
Auch hier zeigt sich mir das Prinzip des Spannungsfeldes - Immer spannt sich ein Bogen um das DA-zwischen.
Im Himmel zeigt sich zwischen Licht und Finsternis die Farbe.
Zwischen dem Trockenen und dem Wässrigen wächst die Vegetation.
Zwischen Kampf und Nähe entsteht Begegnung, bestenfalls Verständnis.
Wie oft sehen wir die Polaritäten klar vor Augen, und vergessen doch den Zwischenraum. Dabei ist es genau dieser, in dem unser Leben geschieht.
Der Marder jagt, seine Art zu (über)leben. Die Muttertiere kämpfen, um das Leben zu schützen. Die Vegetation zwischen Himmel und Erde schenkt uns den Atem.
Zwischen den Polaritäten geschieht das Leben in seiner Mannigfaltigkeit. Um es zu bewahren, greifen wir immer wieder auf die Polaritäten zurück. Doch getragen sind wir vom Dazwischen.
In der künstlerischen Arbeit
In der Kunst entsteht zwischen den Polen nicht nur Spannung, sondern auch einzigartiger Ausdruck. Zwischen Licht und Dunkel, Himmel und Erde, Kampf und Frieden entsteht die Farbe.
Farbe als Emotion. Farbe als Brücke. Farbe als lebendiger Zwischenraum. Es offenbaren sich Zwischenräume, die wie Pausen wirken und ein Werk lebendig machen. In diesen Pausen entsteht Neues, wächst Leben. Wenn wir uns auf diese Pausen einlassen – sei es in einem Kunstwerk oder in der Natur – entsteht etwas, das ich als heilig empfinde: eine tiefe Verbindung zum Sein der Dinge an sich, zur Essenz ohne Worte.
Den Blick weiten und schärfen zugleich
Vielleicht achtest du heute einmal auf genau diese Räume: zwischen dem, was du siehst, zwischen den Polen, die sich dir zeigen. Dein Blick darf von rechts nach links wandern, darf sich verweben mit beidem – um das Dazwischen, das Leben selbst, wahrzunehmen.