Life is a lot like Jazz. Wer perfekt sein will, verliert den Flow - 15/55 Thoughts
Seit zwei Wochen begleitet mich ein Zitat von George Gershwin: „Life is a lot like jazz – it's best when you improvise.“
Wann immer heute etwas ansteht, frage ich mich: Hat gerade mein Kopf als sturer Taktgeber das Sagen, oder würde ich den Moment anders gestalten, wenn ich mir erlauben würde, spontaner mit dem zu spielen, was mir gerade begegnet?
In der Musik bedeutet Improvisation, gleichzeitig zu erfinden und auszuführen. Melodien und Rhythmen entstehen aus einem inneren Impuls heraus. Nichts ist starr festgelegt, sodass das Ergebnis für den Hörer – und oft auch für den Musiker selbst – unvorhersehbar bleibt.
Doch Jazz-Improvisation ist kein „Einfach-mal-so-Machen“. Zum einen beherrschen die Musiker ihr technisches Handwerk; zum anderen nutzen sie oft Themen, Tonleitern oder Akkordschemata als Gerüst, an das sie sich frei anlehnen.
Diese Herangehensweise habe ich daher einfach mal auf meinen Alltag übertragen und angewandt, indem ich mich immer öfter frage:
Wie kann ich jetzt gerade mehr aus diesem Moment heraus gestalten, ohne mein Ziel zu verlieren? Quasi frei leben innerhalb meines eigenen Themas.
In meiner künstlerischen Arbeit fällt mir das leicht. Da ich intuitiv-abstrakt arbeite, gibt es kein „Blatt Papier mit Noten“, das ich spielen „sollte“. Es nimmt den Druck vom Perfektionismus. Fehler gehören zum Spiel dazu, wie im Jazz die sogenannten „Dirty Notes“ – die Töne, die durch ihre leichte Unsauberkeit Charakter bekommen – wie ein Stich auf Filz, der ein bisschen aus der Reihe tanzt. Ich komme in einen Fluss, der Kopf gibt die Führung ab, der Frust schwindet und die Energie der Präsenz fließt ins Werk ein.
Ausschnitt Werk: Love: Tension and Release
Auch im Alltag wird mein Leben lebendiger, wenn ich mich nicht starr an Pläne halte, sondern mich wie die Jazzmusiker im „Lay Back“ entspannt vom Rhythmus tragen lasse.
Besonders spannend finde ich, dass viele Musiker die Töne angeblich schon kurz vor dem Spielen innerlich hören. Dieses intuitive Wahrnehmen kenne ich – auf das Leben allgemein bezogen – sehr gut. Es ist für mich der Kern eines Lebensstils, der Präsenz, Einfachheit und Wohlgefühl in den Fokus rückt.
Damit ich jedoch diese leise, zarte Stimme meiner Intuition klar höre, brauche ich persönlich Ruhe und das Gefühl von Sicherheit. Hier spielt die Umgebung für mich die zentrale Rolle. Eine Umgebung voller Unruhe versetzt mich instinktiv in eine Hab-acht-Stellung. In diesem Modus bleibt kein Raum für spielerische Improvisation – eher ein bloßes Funktionieren.
Die Qualität des Innehaltens und des Im-Fluss-Seins suche ich auch in meinen textilen Werken.
Für die Betrachter wünsche ich mir, dass ihre Welt für einen Moment still wird und sich in dieser Pause ein Impuls für das eigene Leben auftut.
In der Stille hören wir unsere innere Stimme lauter.
Sie lehrt uns, uns beweglicher in dem von uns gesetzten Rahmen zu bewegen, ohne Pläne, Ziele und Visionen zu vernachlässigen. Innerlich beweglicher zu sein bedeutet letztlich auch, dem Leben selbst die Chance zu geben, Besseres zu bringen, als die Logik es je vorhersehen könnte.