Licht, Finsternis und Farbe: Eine Suche nach Balance
In den letzten Tagen habe ich meine Unterlagen aus verschiedenen kunsttherapeutischen Aus- und Weiterbildungen durchgesehen. Nachhaltig beschäftigt haben mich dabei meine Aufzeichnungen aus der kunsttherapeutischen Arbeit von und mit Liane Collot d’Herbois, die ich 1999 noch persönlich kennenlernen durfte.
Sie brachte das Thema Licht, Finsternis und Farbe als eigenständigen Ansatz in die anthroposophische Kunsttherapie ein. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand die Wirkung der Farben, so wie sie uns in der Natur und am Himmel begegnen – stets im Spannungsfeld von Helligkeit und Dunkelheit, von dem, was vor und hinter dem Licht sichtbar wird. Die Farben, so wie wir sie wahrnehmen, wirken zugleich tief auf unser Inneres, berühren unsere Gefühle, unser Denken und prägen die Gestalt unserer Beziehungen ebenso wie die unserer Gesellschaft.
Beim Betrachten einiger Bilder konnte ich – wie so oft – spüren, wie sehr wir heute, sowohl individuell als auch gesellschaftlich, mit einem Ungleichgewicht dieser drei Kräfte konfrontiert sind.
Licht- und Finsterniskräfte in uns
Vereinfacht gesprochen werden die Finsterniskräfte mit dem Körperlichen verbunden – mit dem Instinktiven, dem Beweglichen und unseren Stoffwechselprozessen. Die Lichtkräfte hingegen stehen für das Mentale, das Verstehen und das Geistige in seiner höchsten Form. Nicht umsonst sagen wir spontan: „Mir geht ein Licht auf!“
Farbe wirkt dazwischen: Sie schwingt im seelischen Bereich und verbindet Körperliches und Geistiges. Auch in unserer Sprache zeigt sich dies: Wir sagen etwa „Ich sehe Rot“, „Lass uns das Blau vom Himmel holen“ oder „Ich komme auf keinen grünen Zweig“. Zudem ordnet jeder von uns Farben instinktiv bestimmten Gefühlen zu – verbunden mit Erfahrungen oder manchmal auch passend zur momentanen Stimmung.
Die Wechselwirkung zwischen Denken und Fühlen
Auch die moderne Psychologie und die Manifestations-Szene arbeiten heutzutage sehr konkret mit der Wechselwirkung zwischen Denken und Fühlen, um die äußere Realität mitzugestalten:
Gedanken beeinflussen, wie wir uns fühlen.
Gefühle können umgekehrt bestimmte Denkmuster anstoßen.
Unsere Gedanken und Gefühle sind eng mit unserem vegetativen Nervensystem – also unserem Körper – verbunden. So können depressive Zustände ein Gefühl von Antriebslosigkeit und Müdigkeit nach sich ziehen; manche beschreiben dies sogar als eine Art Dunkelheit oder Finsternis, die sie umgibt. Zudem kann mentale Überlastung Symptome wie Angst- oder Panikgefühle, Atemnot, Druck auf der Brust oder permanente innere Unruhe auslösen.
Unsere Zeit: Überreizt, erschöpft, orientierungslos
Heute kämpfen viele Menschen mit Erschöpfung, Sinnfragen oder Orientierungslosigkeit. Manche erleben tiefe Müdigkeit und Antriebsarmut, andere versuchen möglicherweise durch Überengagement, Leistung und Kopfarbeit ein Gefühl der Leere zu überdecken. Beide Extreme verdeutlichen die gesellschaftliche Schere, inmitten derer wir stecken – und gleichzeitig offenbaren sie uns das Ungleichgewicht zwischen den Licht- und Finsterniskräften in uns.
Dieses Ungleichgewicht begünstigt, dass Gefühle unklar, wechselhaft oder sogar unkontrollierbar werden. Auf individueller Ebene kann dies zu innerer Unruhe oder impulsivem Handeln führen. Gleichzeitig spiegeln sich diese inneren Zustände aber auch auf gesellschaftlicher Ebene wider – in Spannungen zwischen Menschen, kollektiven Konflikten oder Stimmungen, die ganze Gemeinschaften prägen und beeinflussen.
Kunst als Weg zur inneren und äußeren Balance?
Im künstlerischen Arbeiten nutzt du bewusst und gezielt deine inneren Kräfte. Dies sorgt dafür, dass die aus der Balance geratenen Pole wieder zueinanderfinden können.
Solltest du viel grübeln oder mal eine sanfte, aber aktive Pause brauchen, kann der Griff zu Pinsel und Farbe dir helfen, zur Ruhe zu kommen und zu entspannen. Im malerischen Prozess kannst du deine Kräfte wieder in ein gesundes Gleichgewicht bringen – bevor sich ein chronisches Krankheitsbild entwickelt. Mehr Infos dazu findest du in meinem Beitrag über Meditatives Malen.